Die Kunst des Teilens: Wie ich im Studium aus einem schlechten Gewissen Deutschlands größte Sharing-Community baute

Studierendenleben

13.07.2026

Die Kunst des Teilens: Wie ich im Studium aus einem schlechten Gewissen Deutschlands größte Sharing-Community baute

Copyright: Pascal Slonina

Gastbeitrag

Manchmal beginnt eine Unternehmensgründung nicht mit einem ausgefeilten Businessplan, einem exklusiven Netzwerk oder einem Millionen-Investment. Manchmal beginnt sie mit einem klobigen, ein- / zweitausend Euro teuren Gegenstand, der mitten im WG-Zimmer steht, Staub ansetzt und einem jeden Tag beim Aufstehen ein schlechtes Gewissen einjagt.

Mein Name ist Maximilian Lehmann. Ich studiere Wirtschaftsinformatik an der Universität Hamburg und bin der Gründer von fainin – einer Plattform, die heute als Deutschlands größte Peer-to-Peer-Sharing-Community Tausende Menschen zum Leihen und Verleihen vernetzt. Wenn ich heute auf die Anfänge zurückblicke, wird mir klar: Der Weg dorthin war kein linearer Masterplan. Er war das Ergebnis einer absurden Beobachtung im studentischen Alltag und der Weigerung, logische Widersprüche einfach so hinzunehmen

 

Das 99-Prozent-Dilemma oder: Wenn Besitz unlogisch wird

Spulen wir ein paar Jahre zurück. Als Wirtschaftsinformatik-Student in Hamburg gehörte ich definitiv nicht zu der Zielgruppe, die im Geld schwimmt. Trotzdem hatte ich mir für Partys und Open-Air-Events eine Soundboks zugelegt – eine extrem leistungsstarke, aber eben auch kostspieliger Bluetooth Lautsprecher - fast schon eine PA Anlage. Nach der ersten Euphorie kam die Ernüchterung im grauen Hamburger Alltag. Das Gerät stand in der Ecke meines Wohnzimmers. Woche für Woche.

Als angehender Wirtschaftsinformatiker neigt man dazu, die Welt in Daten, Effizienz und Auslastungen zu analysieren. Ich fing an zu rechnen: Diese Box lief vielleicht an zwei oder drei Wochenenden im gesamten Jahr unter Volllast. Die restlichen 99 Prozent der Zeit tat sie absolut gar nichts. Sie blockierte Platz, verlor an Wert und erinnerte mich täglich an eine finanzielle Fehlentscheidung.

Das war der Moment, in dem es in meinem Kopf klickte. Das Problem war ja nicht die Soundboks (oder die VR Brille) an sich. Das Problem war das Konzept des „Besitzens“. Warum müssen wir Gegenstände, die wir nur temporär benötigen, zwingend kaufen? Wenn man die tatsächliche Nutzungsdauer von Werkzeugen, Camping-Ausrüstung, Drohnen oder eben Event-Equipment betrachtet, ist der Kauf oft die unlogischste und unwirtschaftlichste Entscheidung, die man treffen kann. Ich beschloss, meine Box im Bekanntenkreis zu vermieten. In erster Linie, um die Anschaffungskosten irgendwie wieder reinzuholen.

Soundboks Musikanlage & VR Brillen flexibel mieten und vermieten über fainin
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Vom privaten Verleih zur regulatorischen Sackgasse

Der informelle Verleih lief überraschend gut an. Ich merkte schnell, dass Zuverlässigkeit im privaten Bereich eine echte Währung ist. Wer schnell antwortet, pünktlich übergibt und hält, was er verspricht, baut Vertrauen auf. Die Mundpropaganda unter (damals noch Mitschüler:innen - heute:) Kommilitoninnen und Kommilitonen funktionierte wie ein Katalysator. Plötzlich reichte eine Box nicht mehr aus. Ich besorgte weiteres Equipment, das bei anderen ebenfalls nur ungenutzt im Keller lagerte. Nach nur einem Sommer hatte sich die ursprüngliche Investition komplett refinanziert.

Doch mit dem Wachstum kamen die existenziellen Fragen. Als ich umzog und das Ganze eine professionellere Dimension annahm, stand ich plötzlich vor einer regulatorischen Wand:

●       Was passiert, wenn jemand die Anlage beschädigt und den Schaden nicht bezahlen kann?

●       Wer haftet bei Diebstahl oder Zweckentfremdung?

●       Gibt es überhaupt ein rechtliches und versicherungstechnisches Fundament für das systematische Teilen unter Privatpersonen?

Jeder klassische Gründerberater hätte mir an dieser Stelle wahrscheinlich geraten aufzuhören. Das Risiko schien im Verhältnis zum studentischen Budget viel zu hoch, die Rechtslage im privaten Verleih eine einzige Grauzone. Aber statt aufzugeben, packte mich der Trotz und Ehrgeiz, das Thema anzugehen. Das Problem war nicht die Idee des Teilens es, sondern es war einfach die fehlende digitale Infrastruktur.

Ich nahm allen Mut zusammen, startete mit dem Programmieren und kontaktierte die ERGO, einen der größten Versicherungskonzerne Deutschlands. Die Vorstellung war im Nachhinein betrachtet fast schon amüsant: Ein junger Wirtschaftsinformatik-Student im Hoodie erklärt gestandenen Versicherungsmanagern im Anzug, warum sie eine maßgeschneiderte, vollautomatische Absicherung für eine Peer-to-Peer-Sharing-App entwickeln müssen. Doch Hartnäckigkeit zahlt sich aus. Es hat etwa 1-2 Jahre gedauert - und dann hörten sie zu. Und sie sagten Ja. Seit diesem Meilenstein ist jede einzelne Buchung auf unserer Plattform ab der ersten Sekunde vollautomatisch versichert. Ein riesiger Schritt für das Vertrauen in der Community.

Das Henne-Ei-Problem und das Ökosystem der Universität

Ein sicherer Prozess und eine App machen aber noch kein erfolgreiches Startup. Das größte Problem jeder Plattform im Netz ist das berüchtigte Henne-Ei-Dilemma: Ohne Menschen, die Dinge vermieten, gibt es keine Mieter. Und ohne Mieter stellt niemand seine wertvollen Gegenstände online. Um diesen Teufelskreis zu durchbrechen, braucht man teures Marketing oder eine geschlossene und vernetzte Community.

Hier kam meine eigene Uni, die Universität Hamburg, ins Spiel. Ich hebelte das universitäre Ökosystem und belegte den Kurs „IT-Entrepreneurship“. Aus der losen Idee wurde ein akademisch untermauertes Konzept, aus dem Solo-Projekt ein echtes Team.

Der finale Durchbruch gelang uns in enger Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Laura Edinger-Schons und Uwe Lübbermann an der Uni Hamburg. Gemeinsam starteten wir das Projekt „UHH Teilt“. Dabei handelt es sich um einen geschützten, exklusiven Kosmos innerhalb der fainin-App, der ausschließlich verifizierten Studierenden und Mitarbeitenden der UHH offensteht. Daneben konnten wir sogar eine AG, zunächst mit 4 Mitgliedern - später sogar mit 7 motivierten Studis starten.

Meine Erfahrung zeigt, dass die Universität viel mehr sein kann als nur ein Ort zum Lernen. Wenn man sich reinhängt, dann kann sie eine echte Community werden. „UHH Teilt AG“ war der lebende Beweis dafür, dass die Sharing Economy funktioniert, wenn man den Menschen den richtigen Rahmen bietet. Das Modell war so erfolgreich, dass mittlerweile zahlreiche weitere Hochschulen in ganz Deutschland, darunter die Freie Universität Berlin, die CAU Kiel und die International School of Management uvm., das Konzept übernommen haben.

UHH Teilt – Das erfolgreiche universitäre Sharing-Modell von fainin an der Universität Hamburg.webp
Copyright: Pascal Slonina

 

Die Evolution der Plattform: Von der Nische zur Infrastruktur

Was als Frust über eine ungenutzte Soundboks und Meta Quest 3 begann, hat sich heute zu einer umfassenden technologischen Infrastruktur weiterentwickelt. Wir haben gelernt, dass nicht nur Privatpersonen und Studierende untereinander teilen wollen. Der Bedarf ist im professionellen Sektor mindestens genauso groß.

Deshalb haben wir unser Angebot erweitert: Unter der Marke 2-SHARE.de bieten wir mittlerweile eine White-Label-Lösung an. Unternehmen, Kommunen, Wohnungsbaugesellschaften oder Verbände können damit ihren eigenen, vollständig geschlossenen Sharing-Space für ihre Mitglieder oder Angestellten aufsetzen. Egal ob IT-Equipment, Sportartikel oder Spezialwerkzeuge, die technologische Basis und die bewährte Absicherung im Hintergrund kommen von fainin, während das Interface komplett im Design des jeweiligen Partners erstrahlt.

Meine drei wichtigsten Learnings für studentische Gründer

Wenn du selbst mit dem Gedanken spielst, während des Studiums ein Projekt oder ein Startup hochzuziehen, möchte ich dir drei Kern-Erkenntnisse mit auf den Weg geben:

  1. Suche nicht nach der perfekten Idee, sondern nach der Absurdität: Die besten Gründungen entstehen selten am Reißbrett durch abstrakte Marktanalysen. Sie entstehen, weil dich etwas im Alltag fundamental nervt oder unlogisch erscheint. Schau genau hin, wo in deinem Umfeld Ressourcen verschwendet werden.
  2. Nutze den Schutzraum und die Ressourcen der Hochschule: Die Universität bietet dir eine Infrastruktur, die du nach dem Abschluss nie wieder so unkompliziert und günstig vorfinden wirst. Professoren, Gründer-Services, Innovations-Preise und vor allem der direkte Zugang zu Tausenden potenziellen Nutzern (deinen Kommilitonen) sind ein unschätzbarer Hebel.
  3. Löse reale, schmerzhafte Probleme: Wir haben die ERGO-Versicherung nicht integriert, weil es im Pitch-Deck gut aussah. Wir haben es getan, weil ich nachts nicht mehr schlafen konnte, weil die Haftungsfrage ungeklärt war. Wer aus einer echten Notwendigkeit heraus baut, entwickelt Lösungen, die am Markt langfristig Bestand haben.

Das Abenteuer Studium ist die perfekte Zeit, um Risiken einzugehen, Fehler zu machen und aus einer kleinen Beobachtung etwas Großes wachsen zu lassen. Man muss nur den Mut haben, den ersten Schritt zu machen und sei es nur, um das eigene schlechte Gewissen zu beruhigen.

Über fainin & Kontakt

Du möchtest mehr über das Prinzip des sicheren Teilens erfahren, Gegenstände in deiner Stadt mieten oder selbst ungenutzte Dinge zu barem Geld machen?

  • Zur Plattform: Besuche uns direkt auf fainin.com und lade selbst etwas zum Vermieten hoch. Oder spar Geld beim nächsten Fest und leih dir eine Soundboks günstig über fainin.
  • Für Hochschulen & Unternehmen: Wenn du das Sharing-Prinzip im Rahmen von „UHH Teilt“ an deine eigene Universität holen oder einen geschlossenen Space für dein Unternehmen aufsetzen möchtest, schreib mir gerne eine E-Mail an max@fainin.com.

📖 Further Read: Du willst noch tiefer in die technischen Details, Meilensteine und die vollständige, unzensierte Gründungsgeschichte von fainin eintauchen? Hier geht es zur ausführlichen Gründungsstory und unserer gesamten Entwicklungs-Timeline.

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